Arkiv-Folterknechte vor Gericht

Arkiv-Folterknechte vor Gericht

Die Enthüllung der schaurigen Greueltaten, die sich im Arkiv gegen norwegische Wider­standskämpfer während des 2. Weltkrieges abgespielt hatten, schockierte und empörte das Volk nach der Befreiung 1945 im ganzen Landesteil Sörlandet. Am 9. April 1947 be­gann im Agder Schwurgericht der Prozess gegen die deutschen Gewalttäter. Nicht weni­ger als 300 Zeugen waren einberufen, um über ihr Schicksal in der „Hochburg der Tor­tur" zu berichten.

Die Angeklagten waren: Rudolf Kerner, SS-Hauptsturmführer / Kriminalkommissar, Friedrich Wilhelm Meyer, SS-Oberscharführer / Kriminalassistent, Friedrich Albert Lappe, SS-Haupt­schar­führer / Kriminal­sekretär, Paul Glomb, SS-Haupt­schar­führer / Kri­minal­sekretär, Heinrich Willführ, SS-Unterschar­führer / Kriminal­sekretär, Franz Gromann, SS-Ober­scharführer / Kriminal­assistent.[1]

Die Anklage­behörde stellte fest, dass die Gestapo­leute über 300 Fälle von grober Tor­tur durch­geführt hatten. Die Anklage umfasste allerdings nur 68 Fälle von Tortur gröb­sten Ka­libers. Nach einer Übersicht, die das Polizei­­präsidium in Kristian­sand nach dem Krieg erarbeitet hatte, wurden insgesamt 367 Personen von den ver­schie­denen Gesta­po­leu­ten im Arkiv miss­handelt.

Auf die Schuldigen entfielen:

Hans Lipicki 135, Ole Wehus 110,[2] Hans Petersen 98, Rudolf Kerner 97 (in der An­kla­ge auf 40 begrenzt), Friedrich Wilhelm Meyer 73 (begrenzt auf 27), Wilhelm Heinze 73, Friedrich Albert Lappe 52 (begrenzt auf 21), Heinrich Willführ 36 (begrenzt auf 11), Paul Glomb 26 (begrenzt auf 19), Franz Gromann 19 (begrenzt auf 8), Wilhelm Bertling 9 Fäl­le und Wilhelm Adolf Schulz 1 Fall.

In der Anklage enthalten waren darüber hinaus grobe Miss­hand­lungen an wei­teren 12 Per­sonen. Wahr­schein­lich als Folge der fürchter­lichen Tortur, die sie erlei­den muss­ten, waren sie später gestorben.[3]

Vorsätzliche Tötung der 37 Russen

Ein besonders dunkles Kapitel in der Anklage war die Hinrich­tung der 37 russi­schen[4] Kriegs­gefan­genen im Kristian­sand­gebiet. Diese wurden durch eine rein ver­­wal­­tungs­mäs­­­sige An­ordnung umgebracht. Sie wurden nämlich vor ihrer Hinrichtung keiner Form von Kriegsgericht überstellt. Die meisten wurden durch Nackenschuss hingerichtet, eini­ge im Mast eines Fischkutters vor dem Leuchtturm Oksöy erhängt, und einer wurde re­gel­recht ertränkt. Ein grosser Teil der Russen wurde auf fürchterlichste Weise gefoltert bevor sie durch Nackenschuss hingerichtet wurden. 1945 fand man Leichen an ver­schie­denen Stellen bei Kristiansand.[5] Kerner gab den Befehl zu diesen rechtswidrigen Hinrichtungen.[6]

Die übrigen Angeklagten, mit Ausnahme von Lappe, hatten als Henker in Verbindung mit der „vorsätzlichen Tötung der Russen" mitgewirkt. Glomb leitete 28 dieser Hin­rich­tungen und Willführ 9. Willführ assistierte bei sechs und Glomb bei vier. Gromann assi­stierte bei zwei Hinrichtungen und ermordete einige Russen, die zu flüchten versuchten. Einen von ihnen ertränkte er. Die Hinrichtungen geschahen vom Frühling 1943 an bis hin zum Frühjahr 1945.[7]

Schwierig zu rekonstruieren

Die Anklagebehörde bekam eine sehr schwierige Aufgabe, die umfas­senden Ereig­nis­se in der Gestapozeit zu rekonstruieren. Der Grund dafür lag darin, dass die Arkiv-Fol­ter­knechte das meiste des schriftlichen Materials, was die Gefangenen im Arkiv anbe­lang­te, verbrannt hatten. Das Material ging am 7. Mai 1945 in Flammen auf.[8]

In den ersten Polizeiverhören, die durch die norwegischen Polizeibehörden vorge­nom­men wurden, wollten die Gestapoleute die fürchterlichen Untaten, die sie be­gan­­gen hat­ten, nicht ohne weiteres zugeben. Nach und nach als die Erklärungen der Torturopfer ein­gin­gen, wurden sie aber gesprächiger. Beträchtlich half es, als der Staatspolizist Ole Wehus wählte, seine begangenen, gemeinen Handlungen gegen seine eigenen Lands­leute, einzugestehen. Sein aussergewöhnlich gutes Gedächtnis - jedenfalls was die mer „ungefährlichen" Torturfälle betraf - war in vielen Fällen von entscheidender Bedeutung bei den Nachforschungen.

Von grosser Bedeutung war ausserdem, dass die Gefangenenprotokolle im Kristiansand Kreisgefängnis verschont geblieben waren. Diese zeigten, dass während des Krieges ca. 9.000 Gefangene als Inhaftierte das Kreisgefängnis durchlaufen hatten. Über 3.000 Ge­fangene der beiden Verwaltungsbezirke Agder sassen für mehr als drei Tage im Ge­sta­po-Hauptquartier „Arkiv".

Es war die Aufgabe von Staatsanwalt Otto Hafting im Agder-Bezirk eine umfassende Anklage­schrift gegen die sechs Gestapoleute auszuarbeiten. Die Anklageschrift be­schrieb eine lange Reihe von Torturfällen, die im einzelnen alle äusserst erschütternd waren.

Kerner der Hauptverantwortliche

In Eigenschaft als Chef der deutschen Sicherheitspolizei wurde Rudolf Kerner als haupt­verantwortlich für die Schreckensherrschaft und das Gewaltregime im Arkiv be­zeich­net. Der schwer­wie­gend­ste Anklage­punkt war, dass er den Befehl gab und die Tortur billigte, die zum Tod von Pål Eiken und Louis Hogganvik führte. Kerner nahm oft selbst an der Tortur teil. Er war unter anderem an der groben Misshandlung von Major Arne Laudal und anderen, namhaften Widerstandskämpfern beteiligt.

Gleich nach Kerner folgte Meyer als der, der sich für die meisten Fälle von Tortur und Ge­walttaten verantworten musste. Auch er hatte eine hässliche Liste von Untaten zu ver­antworten. So peinigte er Grosshändler Einar Haakon Guttorm Sörensen, so dass die­ser versuchte, sich das Leben zu nehmen. Meyer folterte auch das weibliche Opfer Gudny Höegh-Omdal in dem er sie mit dem Gummiknüppel schlug bis sie starke Nie­ren­blu­tun­gen erhielt.

Obgleich er eigentlich eine ziemlich unter­geord­nete Stellung im Arkiv innehatte, stand er für die meisten Hinrich­tungen mit Nacken­schuss bei den russi­schen Kriegs­gefan­genen. Darüber hinaus folterte er sechs Russen bevor sie hingerichtet wurden. Die Hand­ge­len­ke wurden unter den Beinen fest zusammengebunden. So mussten sie dann für 30-40 Stunden liegen bleiben. Danach wurden die Gefangenen mit Lederriemen über den gan­zen Körper geschlagen. Die Ge­schlechts­teile wurden mit dem Gummi­knüppel ge­schla­gen, so dass die Gefangenen danach kaum gehen konnten.

Bei Glomb, dem „Russen­mörder", hing die Hin­rich­tung von 37 russischen Kriegs­gefan­genen wie ein Damo­kles­schwert über seinem Kopf.

Ausserdem wetteiferten die Gestapoleute darin, die Schuld auf die toten Gestapoleute Heinze, Lipicki und Petersen zu schieben.

Die Anklageschrift bestand aus 30 mit Maschine geschriebenen Seiten.

Als die Kriegsgerichtssache im Agder Schwurgericht am schicksalsschweren Tag, dem 9. April 1947, eröffnet wurde, benötigte der Beisitzer im Gericht, Harald Norem, über ei­ne Stunde für das Verlesen dieses grauenvollen Dokuments.

Drei Todesurteile verhängt

Das Urteil im Agder Schwurgericht fiel am 14. Juni 1947. Das Ergebnis war, dass drei der Hauptakteure - Kerner, Meyer und Glomb - zum Tode verurteilt wurden. Die übrigen drei - Lappe, Willführ und Gromann - erhielten von 12 bis 18 Jahre Zwangsarbeit.

Was die strafbaren Verhältnisse, die Kerner begangen hatte, anging, erklärte das Ge­richt, dass man mit einbezogen hatte, dass er eine lange Reihe von ernsthaften Verbre­chen sich hatte zu Schulden kommen lassen. Diese hatten den Opfern die grössten kör­perlichen und seelischen Leiden, auch den Tod, zugefügt. Alle Handlungen waren ge­genüber schutzlosen und deprimierten Menschen verübt worden. Für Kerner kam auch das Moment hinzu, dass er als Vorgesetzter in dieser Dienststelle die selbstständige Pflicht hatte, dass keine Verbrechen in der Art, die die Strafsache umhandelte, vor­ka­men. Im Urteil wurde auf diesen Umstand besonders hingewiesen.

„Dass er selbst meinte, das Beste für sein eigenes Vaterland zu tun, kann dahingestellt sein. Gleichzeitig meinte er, dass er in seinem Auftreten gegenüber den Gefangenen nicht immer ganz ohne Gefühle war. Während der Gerichtsverhandlung trat er in einer aner­ken­nens­wer­ten Weise auf. Man erwähnte auch, dass er in der Besat­zungs­zeit sich stark für die Begna­digung von zehn jungen Männern der Eichin­ger­gruppe einsetzte. Es kann auch vermerkt werden, dass er versuchte die brutalsten Gestapoleute versetzt zu bekommen, nämlich Heinze und Lipicki. Aber die hier genannten vermil­dern­den Um­stän­de können ihn dennoch nicht von der streng­sten des Gesetzes befreien."

Meyer - der aktive Teilhaber

Meyers Verbrechen wurde als gleichschwer betrachtet wie die von dem Angeklagten Num­mer 1, Kerner. Meyer ist in besonderem Grad der aktive Ausführende gewesen. Er war nicht nur brutal aufgetreten, sondern hat zeitweise auch sadistische Neigungen ge­zeigt.

Als vermildernden Umstand wurde angegeben, dass Meyer ein junger Mann in unter­ge­ord­neter Stellung war und deshalb nicht ohne weiteres gegen seine Vorgesetzten op­po­nie­ren konnte; auch weil er angeblich unter einer Art verschärfter Dienstaufsicht stand.[9] Bei einzelnen Gelegenheiten hatte er versucht zum Vorteil der Gefangenen zu intervenieren. Zuzüglich dazu verdiente er sich 1945 den Zuspruch, einen Norweger, der im Setesdal zu ertrinken drohte, gerettet zu haben.

Lappe - der weniger brutale

Lappe hatte die gleiche Art von Verbrechen begangen wie die anderen, und dies dauer­te an bis zum Ende des Krieges. Von den Zeugen wurde er als ein listiger und für nor­we­­gische Interessen gefährlicher Mann bezeichnet.

In vermildernder Richtung wurde Rücksicht darauf genommen, dass er der mildeste der Gewalttäter im Arkiv war. Während der Gerichtsverhandlung kam es zu Zeugen­aus­sa­gen, die hervorbrachten, dass er echten Norwegern geholfen und gewisse „Versehen" von deren Seite nicht beachtet hatte. Sein Auftreten gegenüber der Eichingergruppe muss­te ihm zugute kommen. Als er in Farsund und Flekkefjord in einer selbständigen Stel­lung stationiert war, machte er sich an keinen ernsthaften Verbrechen schuldig, d.h. mit Ausnahme bis auf einen speziellen Fall.

Der „Russenmörder" Glomb

Für Glomb wurde in verschärfender Richtung besonders die brutale und grausame Wei­se, wie er seine Verbrechen ausführte, angerechnet, speziell gegenüber den rus­si­schen Kriegs­gefan­genen, die er am Mast eines Fisch­kutters ausser­halb des Leucht­turms Oks­öy erhängte. Bei der Hinrichtung von 11 weiteren Russen befahl er diesen, ihre ei­genen Gräber zu graben, sich nackt auszuziehen und sich an der Grabkante hin­zu­­knien bevor sie ihren Nackenschuss erhielten. Die beiden letzten, die erschossen wurden, muss­ten an der Beerdigung ihrer Kameraden teilnehmen, die gerade vorher hingerichtet worden waren.

„Der Zynismus ging sogar soweit, dass Glomb und seine Mithelfer sich in einer Ruhe­pau­se während der Hinrichtungen Zigaretten anzündeten. Man ist überhaupt der Auffas­sung, dass Glombs Teilnahme sowohl bei Hinrichtungen als auch bei Fällen der Tortur von besonders bösartiger Natur war", stellte das Schwurgericht fest.

Das Gericht konnte nicht sehen, dass für ihn vermildernde Umstände vorlagen.

Obgleich Glomb in den letzten Jahren der Okkupationszeit mehr wohlwollend gegenüber Norwegern aufgetreten war, konnte dieser Moment trotzdem nicht in Betrachtung gezo­gen werden.[10] Ob es aufgrund der Verbitterung gegen die Deutschen war, die seinen Va­ter hingerichtet hatten, oder es sich um einen Versuch sich der Verant­wortung zu ent­ziehen, handelte, konnte das Gericht nicht ausmachen. Sein Auftreten war allerdings so gra­vie­rend gewesen, dass dieser Moment bei der Festsetzung der Strafe keine Bedeu­tung bei­ge­messen werden konnte.

Der hilfsbereite Willführ

Für Willführ wurde in verschär­fender Richtung Gewicht auf den grausamen Charakter der Tortur gelegt, die er ausgeführt hatte. In vermil­dernder Richtung wurde darauf Rück­sicht genommen, dass er während der Gerichts­verhand­lungen Verbrechen ausgesetzt war, die im Anklagebeschluss nicht enthalten waren. Das Gericht ordnete auch seiner unterge­­ord­ne­ten Stellung Gewicht zu, und dass er bei einzelnen Gele­gen­­heiten Ent­­ge­gen­kom­men und Hilfs­bereit­schaft gezeigt hatte.

Bei Gromann wurde als vermildernder Umstand Gewicht darauf gelegt, dass seine Teil­nahme an den „Russentötungen" sich auf die Bewachung beschränkte. Die Erträn­kungs­­­tötung des letzten russi­schen Kriegs­gefan­genen wurde ange­nommen geschah unter vermil­dern­den Um­stän­den. „Es kann auch so aussehen, als ob seine Teil­nahme an den Tortur­hand­lungen in einzel­nen Fällen darauf beruht, dass er gerade zugegen war und, dass seine Bruta­lität von mil­derer Art war als bei den anderen Teil­neh­mern", unter­strich das Gericht.

Für Gromanns Teil wurde aber vermerkt, dass er schon vor dem „An­schluss"[11] gegen sein Vaterland für deutsche Interessen gearbeitet hatte.

Von rechtswidrigem Charakter

Es wurde angenommen, dass alle Angeklagten hätten wissen müssen, dass ihre Hand­­lungen von rechts­widri­gem Cha­rakter waren. Ausser­dem hätten sie verstehen müs­­­sen, dass es keinen gesetz­lichen Halt für die „Russen­tötungen" gab. Aller­dings be­haup­teten sie, dass sie schrift­liche Befehle in Form von Tele­gramm oder Fern­schrei­­ben von der Leitung der Sicher­heits­polizei in Oslo erhalten hätten.

Das Gericht vertrat den Standpunkt, dass, obgleich der Ausdruck „verurteilt" benutzt wor­den war, mussten die Angeklagten sich darüber im klaren gewesen sein, dass kein rechtskräftiges Urteil vorlag, obgleich die Befehle als kurz gefasste Meldungen über Fern­­schreiber oder Telegramm ohne weitere Legitimation angekommen waren. Die An­geklagten hatten aber keine selbständige Prüfung vorgenommen, um Klarheit in die nä­heren Umstände zu bringen.

Nicht von Strafe befreit

In ihren Parteierklärungen hatten die Angeklagten darauf hingewiesen, dass die Be­feh­le, die sie entgegengenommen hatten, von vorgesetzten Organen gekommen waren. Das Gericht bemerkte dazu, dass Befehle von Vorgesetzten, oder die Annahme darü­ber, dass es ein Notfall war, nicht von Strafe befreit. Man konnte in diesem Punkt die Stra­fe auch nicht herabsetzen, weil man fand, dass die Angeklagten nicht nur die Gren­zen für eine humanitäre Durchführung eines militärischen Befehls überschritten hatten, sondern darüber hinaus in der Weise gegen die Opfer vorgegangen waren, die man als nichts anderes bezeichnen konnte als unmenschlich.

Dies galt auch Kerner, der gewisslich nicht direkt an den Exekutionen teilgenommen hat­­te, der aber die Befehle gegeben hatte ohne sich zu vergewissern, dass ihre Aus­füh­rung auf legale Weise geschehen konnte.

Im Urteil des Schwurgerichtes heisst es zum Schluss: „Das Gericht ist darauf auf­merk­sam, dass die Ange­klagten Nr. 1-5 Reichs­deut­sche sind, die seit Hitler an die Macht kam, im national­sozia­listi­schen System erzogen worden waren. Es war schwierig für sie, die Be­rech­ti­gung dieses Systems zu verstehen. Das Gericht hat nicht gefunden, dass die­ser Umstand einen Einfluss auf die Straffestsetzung ausüben konnte. Auch ist nicht darauf Rücksicht genommen worden, dass sie durch ihre Handlungsweise gemeint ha­ben konnten, für die Interessen ihres Vaterlandes gearbeitet zu haben und sogar ge­glaubt hätten, dass eine derartige Handlungsweise für die totale Kriegführung not­wendig war".

Urteil wurde aufgehoben

Alle der verurteilten Gestapoleute, mit Ausnahme von Lappe, legten gegen das Urteil Berufung zum Höchsten Gericht ein.[12]

Das Urteil des Schwurgerichts, was die Tötung der Russen betraf, wurde aufgrund feh­lender Urteilsgründe aufgehoben. Das Höchste Gericht kam zu dem Schluss, dass, wenn im Urteil des Schwurgerichts angegeben wurde, dass sämtliche Hinrichtungen ausgeführt wurden ohne, dass überhaupt ein Urteil oder eine Behandlung im Gericht statt­gefunden hatte, war dies nicht hinreichend genug zur Beurteilung ob im objektiven Sinne ein Kriegsverbrechen vorlag.

Das Höchste Gericht vermisste auch nähere Informationen darüber welche Behörden die Hinrichtungen bestimmt hatten und in welcher Form die Beschlüsse getroffen wur­den. Dies wurde als notwendige Voraussetzung angesehen, ob die Mindestanforderung, die das Völkerrecht für eine legale Hinrichtung stellt, erfüllt war.

Mit Rücksicht auf die subjektiven Bedingungen - ob die Angeklagten verstanden hätten, dass weder Urteil noch eine Gerichtsverhandlung vorlag - waren die Urteils­begrün­dun­gen in diesem Punkt mangel­voll. Es konnte nicht als Begründung für eine strafbare Vor­sätz­lich­keit dienen, dass die Ange­klagten keine Unter­suchun­gen vorge­nom­men hätten, um diesen Tatbe­stand aufzu­klären. In dieser Verbindung wurde auf frühere Ent­schei­dun­gen in ver­gleich­ba­ren Fällen hin­ge­wie­sen. Das Höchste Gericht sprach deshalb Kerner für seine Verantwortung für die Russentötung frei. Trotzdem meinte das Höchste Ge­richt, dass ausreichende Gründe vorlägen, ihn zum Tode verurteilen zu können; man fand, dass er einer Reihe anderer ernsthafter Verbrechen schuldig war.

Kerner zum Tode verurteilt

Das Höchste Gericht verkündete danach folgendes Urteil:

  • I. Rudolf Kerner wird zum Tode verurteilt.
  • II. Friedrich Wilhelm Meyer wird zu lebenslanger Zwangsarbeit verurteilt.
  • III. Paul Heinrich Glomb wird zu 20 (zwanzig) Jahren Zwangsarbeit verurteilt.
  • IV. Heinrich Wilhelm Oscar Willführ wird zu 10 (zehn) Jahren Zwangsarbeit verurteilt.
  • V. Franz Simon Gromann wird zu 6 (sechs) Jahren Zwangsarbeit verurteilt.

 

Durch königliche Resolution vom 18. November 1949 wurde das Todesurteil über Rolf Kerner in lebenslange Zwangsarbeit umgewandelt.

1953 wurde er freigelassen und des Landes verwiesen.

 

 

 

Quelle:

Taraldsen, Kristen: Arkivet - Hochburg der Tortur,

Originaltitel:

ARKIVET - torturens höyborg - ISBN 82-993723-4-8

©

Stiftelsen Arkivet, Kristiansand S. - 2003

 

Deutsche Übersetzung: Peter L. K. Praefcke (PP)